Jom Kippur, der Tag der Versöhnung

Jom Kippur ist der Versöhnungstag und gilt als der heiligste Tag im jüdischen Kalender. Er wird wenige Tage nach Rosch Haschana gefeiert und ist ein Tag der Besinnung, der Vergebung und der Versöhnung.

Traditionell wird an Jom Kippur gefastet. Im Mittelpunkt steht aber vor allem die Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahr und den eigenen Fehlern. Wo habe ich andere verletzt? Wo möchte ich um Verzeihung bitten? Was möchte ich anders machen und was vielleicht auch endlich loslassen?

Dabei geht es nicht nur darum, sich selbst etwas vorzunehmen oder um Vergebung zu bitten. Gerade wenn man einem anderen Menschen Unrecht getan hat, gehört auch dazu, Verantwortung dafür zu übernehmen und zu versuchen, es mit diesem Menschen wieder in Ordnung zu bringen.

Vielleicht ist es genau dieser Gedanke, der mir an Jom Kippur besonders gefällt: Man kann die Vergangenheit nicht ändern.
Aber man kann entscheiden, was man aus ihr mitnimmt.

Genau das habe ich an Jom Kippur versucht.

Ich habe mich hingesetzt und mir ganz bewusst Zeit genommen, auf die vergangenen Monate zurückzuschauen. Auf Dinge, die passiert sind. Auf Entscheidungen, die ich getroffen habe und auf solche, die ich heute vielleicht anders treffen würde.

Dabei ging es mir nicht darum, eine Liste mit Fehlern anzulegen oder herauszufinden, wer wann was falsch gemacht hat. Denn manchmal gibt es vielleicht auch gar keinen Schuldigen. Manchmal treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen oder Grenzen aufeinander und etwas funktioniert trotzdem nicht. Mir ging es vielmehr darum, ehrlich hinzusehen. Wo habe ich meine eigenen Grenzen übergangen? Wo habe ich meine Bedürfnisse nicht ernst genug genommen? Wo hätte ich besser auf mich achten können?

Und auch: Wo habe ich selbst Fehler gemacht? Wo hätte ich anders handeln können? Gibt es etwas, für das ich Verantwortung übernehmen oder mich entschuldigen möchte?

Nicht auf alles habe ich eine Antwort gefunden. Vielleicht muss ich das auch gar nicht.

Aber ich habe gemerkt, dass es Dinge gibt, die ich nicht weiter mit mir herumtragen möchte. Alte Erwartungen. Den Anspruch, es möglichst allen recht machen zu müssen. Das Gefühl, mich erklären zu müssen, wenn ich eine Grenze ziehe. Und auch die Vorstellung, dass Vergebung immer bedeuten muss, wieder eine Tür zu öffnen.

Manches darf vergeben sein. Und trotzdem kann ich entscheiden, eine Beziehung nicht länger allein tragen zu wollen. Denn auch Versöhnung funktioniert nicht einseitig.

Vielleicht ist auch das eine Form von Versöhnung. Nicht so zu tun, als wäre nichts gewesen. Nicht alles gutheißen oder vergessen zu müssen. Sondern anzunehmen, dass manche Dinge passiert sind, dass sie zu meiner Geschichte gehören und dass ich meinen Frieden damit finden darf.