Rosch Haschana: Manchmal endet ein Jahr im September.

Dieses Jahr war es bei mir so.

Und während ich diesen Satz in den vergangenen Wochen schon mehr als einmal geschrieben habe, bekam er plötzlich noch eine ganz andere Bedeutung. Denn auch im jüdischen Kalender endete in diesem September ein Jahr.

Rosch Haschana ist das jüdische Neujahrsfest und wird jedes Jahr ungefähr im September oder Oktober gefeiert. Mit unserem Silvester hat es allerdings eher wenig gemeinsam. Statt Feuerwerk und guten Vorsätzen geht es vor allem darum, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Was war gut? Wo habe ich Fehler gemacht? Und was möchte ich im kommenden Jahr anders machen?

Natürlich gehört auch das Feiern dazu. Eine der bekanntesten Traditionen ist, Äpfel in Honig zu tauchen. Dahinter steckt der Wunsch, dass das kommende Jahr gut und süß werden möge.

Zurückblicken, ehrlich hinschauen und trotzdem mit Hoffnung in ein neues Jahr starten.

Vielleicht hätte Rosch Haschana für mich in diesem Jahr kaum zu einem passenderen Zeitpunkt kommen können.

Die vergangenen Monate waren laut. Nicht unbedingt immer nach außen, aber in mir. Es gab viel Veränderung, viele Entscheidungen und irgendwann auch den Punkt, an dem es einfach nicht mehr ging. Ich wurde krank. Mehr als zwei Monate lang war ich im Krankenhaus.

Und plötzlich war da eine Pause, die ich mir so nicht ausgesucht hatte.

Anfangs wollte ich vermutlich vor allem wieder funktionieren. Gesund werden, weitermachen, zurück in irgendeinen Alltag finden. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich diese Zeit vielleicht gar nicht möglichst schnell hinter mich bringen muss.

Dass ich sie auch haben darf.

Also habe ich beschlossen, aus der unfreiwilligen Pause eine freiwillige zu machen und mir für einige Zeit eine berufliche Auszeit zu nehmen. Nicht, um möglichst schnell herauszufinden, was als Nächstes kommt. Sondern um erst einmal wieder herauszufinden, was mir eigentlich guttut. Was ich möchte. Was ich vermisse. Und vielleicht auch, wer ich bin, wenn ich gerade nichts leisten muss und kann.

Das Genießen gehört für mich inzwischen ausdrücklich dazu. Morgens nicht schon mit einer Liste im Kopf aufzuwachen. Meine Wohnung weiter zu meinem Zuhause zu machen. Zu lesen. Zu schreiben, wenn ich schreiben möchte. Spazieren zu gehen. Zeit zu vertrödeln, ohne daraus sofort wieder ein Projekt zu machen. Gesund zu werden.

Und ausgerechnet an Rosch Haschana saß ich dann mit meinen gebackenen Äpfeln, Honig und Mandeln da und dachte darüber nach, was von all dem mit ins neue Jahr soll.

Vielleicht muss ein Neuanfang gar nicht immer damit beginnen, dass man sich etwas Neues vornimmt.

Vielleicht beginnt er manchmal damit, dass man aufhört, sofort wieder loszurennen.

Was möchte ich also mitnehmen in dieses neue Jahr?

Mehr von dem, was sich gerade langsam wieder nach mir anfühlt. Das Schreiben. Meine Neugier. Zeit, die nicht immer irgendeinen Zweck erfüllen muss. Aber auch etwas, das ich in den vergangenen Wochen erst lernen musste: Nicht jeder Mensch braucht automatisch einen Vertrauensvorschuss. Ich darf genauer hinschauen, auf meine eigenen Warnsignale hören und ernst nehmen, wenn sich etwas nicht gut anfühlt. Und ein wenig mehr auf meine Gesundheit achten.

Im alten Jahr bleiben darf dagegen einiges von dem Druck, immer funktionieren zu müssen. Das Gefühl, ständig schon beim nächsten Schritt sein zu müssen, obwohl ich beim letzten noch gar nicht richtig angekommen bin. Und vielleicht auch die Vorstellung, dass ein Neuanfang immer laut sein muss.

Manchmal endet ein Jahr im September.

Und manchmal beginnt das neue ganz leise. Mit gebackenen Äpfeln, Honig und Mandeln und der Hoffnung, dass es ein gutes wird.

Vielleicht sogar ein süßes.