Warum zum Fick?
Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass es Fragen gibt, auf die es keine einfache Antwort gibt. Manche Fragen werden sogar komplizierter, je länger man darüber nachdenkt.
Und dann gibt es Fragen, bei denen ich einfach nur dasitze und denke:
Warum zum Fick?
43,8 Prozent.
So viele Zweitstimmen hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekommen.
Ich habe diese Zahl gelesen. Mehrmals. Und ja, Prozentrechnung ist nun wirklich nicht meine Kernkompetenz. Aber daran lag es diesmal nicht. Mein Kopf hatte Schwierigkeiten damit, diese Zahl mit Menschen zusammenzubringen.
43,8 Prozent.
Das ist nicht mehr der eine komische Onkel beim Familienfest, bei dem alle kollektiv die Augen verdrehen, sobald er anfängt, über „die da oben“ zu reden. Das ist nicht irgendeine kleine Gruppe am Rand, die besonders laut schreit. Das sind verdammt viele Menschen.
Und ich verstehe es nicht. Vielleicht ist das auch schon mein Problem. Vielleicht habe ich zu lange gedacht, dass bestimmte Dinge so offensichtlich sind, dass man gar nicht mehr darüber reden muss.
Menschenwürde zum Beispiel.
Dass Menschen nicht weniger wert sind, weil sie aus einem anderen Land kommen, eine andere Hautfarbe haben, einen anderen Gott anbeten, einen anderen Menschen lieben – oder weil ihr Leben nicht in irgendeine hübsche Vorstellung davon passt, wie ein „richtiger“ Deutscher auszusehen und zu leben hat.
Ich dachte immer, darüber wären wir uns im Großen und Ganzen einig.
Offenbar sind wir das nicht.
Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt stuft den dortigen AfD-Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. In seiner Begründung geht es unter anderem um einen ethnisch verstandenen Volksbegriff, rassistische Positionen und Äußerungen, die nach Einschätzung der Behörde gegen die Menschenwürde und das Demokratieprinzip gerichtet sind.
Und trotzdem machen Menschen dort ihr Kreuz.
Nicht ein paar.
43,8 Prozent.
Warum?
Ich meine das tatsächlich als Frage.
Ich habe keine politische Ausbildung. Ich bin keine Politikwissenschaftlerin. Ich verbringe meine Abende normalerweise nicht damit, Wahlprogramme zu vergleichen und parlamentarische Sitzungen zu analysieren. Manchmal bin ich schon froh, wenn ich halbwegs verstehe, wer sich gerade mit wem worüber streitet.
Aber vielleicht muss ich all das auch gar nicht können, um mir diese Frage zu stellen.
Was bringt einen Menschen dazu, eine solche Partei zu wählen?
Ist es Wut?
Angst?
Das Gefühl, nicht gehört zu werden?
Ist es Protest?
Oder machen wir es uns inzwischen viel zu einfach, wenn wir noch von Protestwählern sprechen?
Denn irgendwann muss doch der Punkt kommen, an dem man sich anschauen muss, wofür man da aus Protest sein Kreuz macht.
Vielleicht wissen manche Menschen tatsächlich nicht, was innerhalb dieser Partei gesagt wird. Vielleicht glauben sie es nicht. Vielleicht halten sie die Berichterstattung darüber für übertrieben oder für eine Kampagne gegen die AfD. Vielleicht sind ihnen bestimmte Positionen der Partei wichtiger als alles andere. Und vielleicht gibt es auch Menschen, die sehr genau wissen, was sie da wählen. Dieser letzte Gedanke ist derjenige, bei dem mir richtig unwohl wird.
Denn dann funktioniert mein bisheriges „Die können das doch nicht ernst meinen“ nicht mehr.
Doch.
Vielleicht können sie.
Bei einer Befragung rund um die Landtagswahl sagten 87 Prozent der AfD-Wählerinnen und Wähler, es gebe zwar einzelne rechtsextreme Politiker in der Partei, insgesamt stehe die AfD ihrer Ansicht nach aber eher in der Mitte. Gleichzeitig sagten jeweils mehr als neun von zehn Befragten aus dieser Gruppe, die Partei sei näher an den Sorgen der Bürger, werde von den anderen Parteien unfair behandelt und vertrete bei der Zuwanderung Positionen, die sie gut fänden.
Da wird es für mich endgültig greifbar – und gleichzeitig extrem schwierig.
Denn offenbar schauen wir auf dieselbe Partei und sehen schlicht nicht dasselbe.
Wie kann das sein?
Wann verschiebt sich eine Grenze so weit, dass etwas, das für die einen eindeutig rechtsextrem ist, für die anderen zur neuen Mitte geworden ist?
Passiert das plötzlich?
Oder passiert es so langsam, dass wir es gar nicht bemerken?
Und ja, an diesem Punkt denke ich an Geschichte. Nicht, weil 2026 das Jahr 1933 ist. Das ist es nicht. Geschichte wiederholt sich nicht einfach wie der sterile Aufguss einer schlechten Serie, deren Autoren keine Ideen mehr hatten.
Aber Geschichte besteht eben aus Menschen.
Aus gesellschaftlichen Stimmungen. Aus Angst. Aus Wut. Aus der Suche nach einfachen Antworten. Aus Feindbildern. Und aus Dingen, die irgendwann sagbar werden, obwohl sie einige Jahre zuvor noch einen Aufschrei ausgelöst hätten.
Vielleicht macht mir genau das Angst.
Nicht eine einzelne Wahl.
Nicht eine einzelne Zahl.
Sondern die Frage, ob wir gerade dabei sind, uns an etwas zu gewöhnen.
Ob Sätze, bei denen wir vor einigen Jahren noch zusammengezuckt wären, irgendwann nur noch eine politische Position unter vielen sind. Ob aus „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ irgendwann „Das ist doch völlig normal“ wird. Und wo eigentlich der Punkt liegt, an dem diese Normalisierung passiert. Vielleicht liegt er längst hinter uns. Vielleicht auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Und vielleicht stört mich genau das gerade so sehr: Ich möchte verstehen, was hier passiert, und merke gleichzeitig, dass ich es nicht verstehe.
Ich möchte nicht glauben, dass all diese Menschen, die der AfD ihre Stimme gegeben haben, schlechte Menschen sind. Das wäre nicht nur arrogant, sondern wahrscheinlich auch viel zu einfach. Aber ich möchte genauso wenig jede Entscheidung mit Frust, Angst oder Protest erklären und damit so tun, als spiele es keine Rolle, wem man seine Stimme gibt.
Eine Stimme ist eine Entscheidung.
Und Entscheidungen haben Folgen.
Vielleicht werde ich mich deshalb in Zukunft häufiger mit Politik beschäftigen. Nicht, weil ich plötzlich politische Expertin werden möchte.
Sondern weil ich merke, dass ich Fragen habe, die ich nicht mehr einfach beiseiteschieben kann.
Weil ich wissen möchte, in welchem Land ich lebe. Und in welchem ich in ein paar Jahren leben werde. Ich habe auf all diese Fragen noch keine Antwort. Aber eine davon lässt mich gerade nicht los:
Warum zum Fick?
Quellen: Tagesschau, Statistisches Landesamt Sachsen Anhalt, Verfassungsschutz Sachsen Anhalt, eigene Recherche