George Orwell: »Die großen Essays«

George Orwell.

Eigentlich könnte ich an dieser Stelle schon aufhören zu erklären, warum ich dieses Buch unbedingt noch einmal lesen wollte. Denn über George Orwells große Essays habe ich schon einmal geschrieben: Im Februar 2023 erschien eine kurze Rezension von mir bei Ippen.Media. Damals allerdings deutlich sachlicher als heute.

Animal Farm gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und auch 1984 hat bei mir einen ziemlich bleibenden Eindruck hinterlassen.

Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis ich mich tatsächlich erneut an die Essays gesetzt habe.

Und auch dann habe ich das Buch nicht in einem Rutsch durchgelesen. Ich habe mir die Texte einen nach dem anderen vorgenommen und dazwischen immer wieder Pausen gemacht.

Einige Essays habe ich diesmal ausgelassen. Gerade bei einer Sammlung wie dieser habe ich für mich entschieden, dass ich nicht jeden Text lesen muss, nur weil er im Buch enthalten ist.

Zum Buch

»Mein größtes Ziel war es, aus dem politischen Schreiben eine Kunst zu machen.« Nicht nur mit seinen großen Parabeln 1984 und Farm der Tiere ist George Orwell dies gelungen. Auch seine klaren, klugen Essays sind herausragende Beispiele dafür, was passiert, wenn sich schriftstellerisches Talent mit politischem Scharfsinn mischt. Die erbarmungslose Ehrlichkeit, auch im politisch Heiklen, macht seine Essays zu einer zeitlos spannenden Lektüre.

anaconda Verlag, George Orwell
Die Sprache

Schon die ersten Essays haben mich ziemlich mitgenommen. Mir war nicht mehr bewusst, nach 3 Jahren, wie mitreißend seine Texte sind.

Zwischen den ersten beiden habe ich bereits eine Pause gemacht und danach musste ich das Buch tatsächlich erst einmal für eine ganze Weile weglegen.

Nicht, weil ich nicht weiterlesen wollte.

Sondern weil da ziemlich viel drinsteckte, über das ich erst einmal nachdenken musste.

Und dabei hatte ich immer wieder einen Gedanken: Natürlich sind diese Texte alt. Aber vieles von dem, worüber Orwell schreibt, fühlte sich überhaupt nicht alt an.

Im Gegenteil.

An einigen Stellen hätte man das Erscheinungsjahr vermutlich abdecken können und ich hätte problemlos geglaubt, dass hier jemand über unsere heutige Zeit schreibt.

Genau das fand ich gleichzeitig beeindruckend und ziemlich erschreckend.

Besonders hängen geblieben ist mir der Essay Eine Hinrichtung, August 1931. Dabei war es vor allem Orwells Art, von dieser Hinrichtung zu erzählen, die mich beschäftigt hat. Nicht nur der Verurteilte steht dabei im Mittelpunkt, sondern auch die Menschen, die an der Vollstreckung beteiligt sind. Und dann dieser Kontrast: Da geschieht gerade etwas Furchtbares, das auch an den Beteiligten nicht einfach spurlos vorbeigeht, und kurz darauf wird wieder gelacht und gemeinsam gegessen.

Gerade diese scheinbare Normalität danach fand ich unglaublich beklemmend.

Orwell musste mir an dieser Stelle gar nicht erklären, wie ich das finden sollte. Er erzählt, beobachtet und beschreibt. Und genau dadurch hat der Text bei mir so lange nachgewirkt.

Mein Fazit

Die großen Essays bleibt für mich definitiv kein Buch zum schnellen Durchlesen.

Dafür haben mich einige der Texte zu sehr beschäftigt und teilweise auch zu sehr mitgenommen. Gleichzeitig fand ich es unglaublich spannend, Orwell nochmal außerhalb von Animal Farm und 1984 kennenzulernen.

Vor allem hat mich überrascht, wie wenig verstaubt viele seiner Gedanken auf mich wirkten. Bei manchen Stellen musste ich mir tatsächlich wieder bewusst machen, wann diese Texte entstanden sind.

Ich habe nicht jeden Essay in diesem Band gelesen und glaube inzwischen auch nicht, dass ich das muss.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dies nicht das letzte Mal war, dass ich das Buch aus dem Regal gezogen habe. Einige der Essays möchte ich definitiv noch einmal lesen. Vielleicht entdecke ich beim nächsten Mal auch einen der Texte, die ich diesmal ausgelassen habe.

Allerdings werde ich sie mir weiterhin in eher kleinen Portionen vornehmen.

George Orwell darf bei mir gerne wiederkommen.

Aber bitte dosiert.