Hamburg sehen, erleben und darüber schreiben

Warum eine Recherchereise manchmal ganz andere Ideen liefert als erwartet

Wenn ich für meine Romane recherchiere, sitze ich natürlich auch viel am Schreibtisch. Ich lese, suche Informationen, schaue mir Karten an und versuche, ein Gefühl für die Orte zu bekommen, an denen meine Geschichten spielen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem mir das nicht mehr reicht. Dann möchte ich selbst durch die Straßen laufen, die Gebäude sehen, Geräusche hören und herausfinden, wie sich ein Ort tatsächlich anfühlt.

Genau deshalb war ich in Hamburg unterwegs. Für meine Cozy Crime Reihe, deren erster Band bereits geschrieben ist, wollte ich vor allem Schauplätze für die Fortsetzungen erkunden. Band zwei führt unter anderem nach St. Pauli und ins Schanzenviertel, Band drei in die Speicherstadt und für Band vier spielen die Elbphilharmonie und der Hafen eine wichtige Rolle.

Ich wusste also ziemlich genau, welche Gegenden ich mir ansehen wollte. Was ich nicht wusste, war, mit wie vielen zusätzlichen Ideen ich wieder nach Hause fahren würde.

Zwischen Planung und Zufall

Natürlich hatte ich mich vorbereitet. Ich wusste, welche Orte ich besuchen wollte und welche Straßen für meine Geschichten interessant sein könnten. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, tatsächlich dort zu stehen.

Auf einer Karte sieht eine Straße erst einmal aus wie eine Straße. Vor Ort gibt es plötzlich Hauseingänge, Hinterhöfe, Fassaden, kleine Parks und Gebäude, die einem auf dem Bildschirm möglicherweise gar nicht aufgefallen wären.

Und manchmal steht man irgendwo und denkt: Moment mal, daraus könnte ich etwas machen.

So entstanden während meiner Streifzüge durch Hamburg beispielsweise die Idee mit einem Dogsitter und weitere Überlegungen zu bestimmten Gebäuden. Dinge, die ich vorher überhaupt nicht auf dem Zettel hatte. Die Stadt lieferte mir gewissermaßen zusätzliche Puzzleteile für Geschichten, deren Grundgerüst längst existierte.

Ich habe deshalb ziemlich viele Fotos gemacht. Nicht unbedingt, weil die Motive besonders hübsch oder touristisch interessant waren, sondern weil ich sie später beim Schreiben wieder vor Augen haben möchte.

Wie sah dieser Hauseingang aus? Was befand sich gegenüber? Wie wirkte das Gebäude von der anderen Straßenseite?

An einer für die Handlung wichtigen Stelle habe ich zusätzlich Screenshots von Google Maps gemacht. Dort kommt es nämlich darauf an, wie die Straßen verlaufen und wo genau sich ein kleiner Park befindet. Solche Details möchte ich nicht irgendwann aus dem Gedächtnis rekonstruieren müssen, wenn ich mitten in einer Szene stecke.

Hamburg hat seinen eigenen Charakter

Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, sind die Backsteinfassaden, das Kopfsteinpflaster und der Nieselregen. Hamburg kann selbst bei grauem Himmel unglaublich atmosphärisch sein.

Gerade für einen Krimi sind solche Eindrücke wunderbar. Eine Straße verändert ihre Wirkung, wenn das Pflaster nass ist. Ein Gebäude sieht im trüben Licht anders aus als bei Sonnenschein. Und zwischen den bekannten Sehenswürdigkeiten liegen unzählige kleine Orte, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen könnten.

Dabei geht es mir nicht darum, später jede Beobachtung möglichst ausführlich in einem Roman unterzubringen. Meine Figuren sollen schließlich keine Stadtführung veranstalten. Aber ich möchte wissen, wo sie sich bewegen. Und ich möchte, dass sich ihre Umgebung für mich beim Schreiben echt anfühlt.

Einmal Sauerfleisch, bitte!

Recherche kann übrigens auch ausgesprochen lecker sein.

Ein Besuch in Erika’s Eck gehörte ebenfalls zu meiner Hamburgreise. Eigentlich wollte ich dort Labskaus essen. Ein Gericht, das ich ebenso wie Sauerfleisch noch von meiner Uroma kenne.

Nun gab es aber keinen Labskaus. Also bestellte ich Sauerfleisch mit Bratkartoffeln.
Und was soll ich sagen? Es war richtig gut.

Das Schöne daran: Meine Romanfiguren werden ebenfalls in Erika’s Eck essen. Und sie bekommen genau das auf den Teller, was ich dort gegessen habe. Natürlich hätte ich mir auch einfach die Speisekarte anschauen und irgendein Gericht auswählen können. Aber so steckt in dieser kleinen Szene etwas, das ich tatsächlich erlebt habe. Ich weiß, wie das Essen schmeckte, und erinnere mich an die Atmosphäre des Lokals.

Manchmal sind es genau diese Kleinigkeiten, die mir beim Schreiben besonders viel Freude machen.

Was von einer Recherchereise bleibt

Ich bin mit bestimmten Fragen nach Hamburg gefahren und mit deutlich mehr Material zurückgekommen, als ich ursprünglich erwartet hatte.

Fotos, Karten, Beobachtungen, neue Ideen und Erinnerungen. Manche davon werden ziemlich sicher ihren Weg in die Romane finden. Andere vielleicht nicht. Und wieder andere werden möglicherweise erst interessant, wenn ich irgendwann an einer ganz bestimmten Szene sitze.

Für mich ist das einer der schönsten Aspekte solcher Reisen. Ich kann noch so viel im Voraus planen, aber nicht alles lässt sich am Schreibtisch entdecken. Manchmal muss ich einfach loslaufen, mich umsehen und die Stadt ein bisschen erzählen lassen.

Und wenn dabei am Ende statt Labskaus Sauerfleisch mit Bratkartoffeln auf dem Teller landet, ist das auch völlig in Ordnung.