Zwischen Lüge und Wahrheit: Mein erster Hörsaal

Es war meine allererste Vorlesung.
Und vielleicht lag genau darin diese kleine Nervosität am Anfang.
Ein fremder Raum, viele Menschen, ein bisschen dieses Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Der Hörsaal war gut gefüllt, leise Stimmen, erwartungsvolle Unruhe. Und ich mittendrin.

Nach ein paar Minuten hat sich das gelegt.
Die Stimme des Professors war ruhig, klar, angenehm. Eine von denen, denen man einfach folgen kann. Und plötzlich war ich nicht mehr damit beschäftigt, richtig zuzuhören, sondern einfach da.

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.

Oscar Wilde 1891

Der Vortrag trug den Titel „Lüge, Schein, Erscheinung. Versuch über die Wahrheit der Kunst“ und war Teil der Ringvorlesung The Magic of Art an der Freien Universität Berlin.
Gehalten wurde er von Prof. Dr. Sebastian Tränkle.
Anne Eusterschulte, die als Co Professorin vorgesehen war, konnte leider nicht teilnehmen.

Eine Frage, die sich schon seit den Anfängen der Philosophie stellt. Darf Kunst lügen?

Platon hätte sie am liebsten aus der Stadt verbannt.
Zu gefährlich, zu täuschend, zu weit weg von der Wahrheit.

Truth is entirely and absolutely a matter of style

Oscar Wilde 1889

Und doch gibt es diese andere Perspektive.
Oscar Wilde etwa, der das künstlerische Lügen verteidigt. Nicht als Täuschung, sondern als eigene Form der Wahrheit. Als etwas, das sich nicht an der Realität messen lassen muss, sondern in einem anderen Raum stattfindet.

Ein Begriff, der immer wieder auftauchte, war der des Scheins.
So doppeldeutig wie das, was er beschreibt.
Einerseits löst er die Kunst vom Anspruch, die Welt wahr abzubilden.
Andererseits ist genau dieser Schein vielleicht der Ort, an dem sich eine andere Wahrheit zeigt.

Eine, die nicht behauptet, sondern erscheint.

Dinge …, von denen wir nicht wissen, was sie sind.

T. W. Adorno 1970

Ich habe nicht alles verstanden.
Und vielleicht war das auch gar nicht der Punkt.
Aber ich hatte das Gefühl, genug mitzunehmen, um dran zu bleiben. Gedanken, die sich noch nicht ganz fassen lassen, aber da sind.

Zwischendurch kleine Momente, die hängen bleiben.
Ein Nebensatz über Oscar Wilde, in dessen Werken sich Figuren immer wieder begegnen, sich überlagern, miteinander sprechen.
Ein kurzes, fast verlegenes Grinsen von Prof. Dr. Sebastian Tränkle, als er erwähnte, dass er selbst gerade ein Buch schreibt.
Und am Ende ein unerwarteter Sprung in die Gegenwart, zum Bochumer Theaterskandal, zu einem Angriff auf einen Schauspieler, zu der Art, wie heute auf Social Media gesprochen wird.

Kunst als Kunst wahrzunehmen, dieser Satz ist mir geblieben.

Life imitates Art far more than Art imitates Life.

Oscar Wilde 1889

Vielleicht ist das genau der Anfang.
Nicht alles verstehen zu müssen.
Sondern sich darauf einzulassen, dass etwas wirkt, auch wenn es sich noch nicht ganz in Worte fassen lässt.

Dass sowohl die Freie Universität Berlin als auch die Humboldt Universität solche offenen, öffentlichen Vorlesungen anbieten, war mir vorher nicht bewusst.
Und vielleicht ist genau das eine dieser leisen Entdeckungen, die bleiben.
Ein Raum, in den man einfach gehen kann, ohne Verpflichtung, ohne Anspruch, nur aus Interesse.

Ich glaube, ich werde das künftig öfter nutzen.

Und irgendwo zwischen Lüge, Schein und Erscheinung liegt dann vielleicht doch so etwas wie Wahrheit.