35 Jahre Kreativität

Im späten Frühjahr 1991 stand ich das erste Mal auf einer großen Theaterbühne.

Eigentlich war es nur als Ferienbeschäftigung gedacht. Eine kleine Rolle in einem Kindertheaterstück. Nichts Besonderes.

Doch plötzlich blieb es nicht bei dieser kleinen Rolle. Ich übernahm eine Drehbuchadaption, erste kleine Regieaufgaben und spielte gleichzeitig selbst mit. Mit dreizehn Jahren stand ich auf dieser riesigen Bühne zwischen Nervosität und unfassbarem Lampenfieber und wusste damals noch nicht, dass das alles einmal ein Teil meines Lebens bleiben würde.

35 Jahre später kehre ich wieder auf eine Bühne zurück.

Damals folgte schnell mehr. Ein eigenes Drehbuch. Ältere Schauspieler, die auf meine Regie vertrauten. Menschen, die plötzlich auf meine Ideen warteten. Ich glaube, dort begann etwas, das mich bis heute begleitet: Geschichten nicht nur erzählen zu wollen, sondern Räume zu erschaffen, in denen Menschen fühlen dürfen.

Dann kam Frankreich. Neue Literatur. Neue Eindrücke. Ich konnte keinen Roman mehr liegen lassen. Bücher wurden plötzlich nicht nur Geschichten, sondern Türen in andere Welten. Meine nächste Drehbuchadaption entstand und wurde gemeinsam mit drei Freundinnen aufgeführt. Unser Publikum bestand aus genau zwei Menschen. Aber sie haben sich wunderbar amüsiert und vielleicht war genau das einer der schönsten Momente daran.

Später fand ich viel von mir selbst in der Malerei wieder. Besonders in Kohlezeichnungen. Bis heute fühlt sich das für mich wie die intimste Form an, Gefühle auszudrücken. Ich führe die Kohle direkt über die Leinwand, verschmiere sie mit der Hand. Keine Pinsel oder Stifte, die dazwischenstehen. Nur Gefühl, Bewegung und Spuren.

Gemalt habe ich eigentlich schon immer. Schon als Kind. Und bis heute bleibt Kunst für mich eine besondere Sprache. Egal, ob ich selbst male oder stundenlang Bilder anderer Künstler betrachte.

Und dann war da immer die Musik.

Musik war nie nur Hintergrundgeräusch für mich. Manche Songs tragen bis heute die süße Schwere alter Erinnerungen in sich. Ich bin einmal nur für ein Fischbrötchen nach Hamburg gefahren und landete plötzlich in einer Coverband. Als Kind spielte ich Gitarre. Heute träume ich davon, Klavier zu lernen. Vielleicht, weil Klavier und Geige bis heute die Instrumente sind, die in mir die stärksten Gefühle auslösen.

Wenn ich schreibe, läuft fast immer klassische Musik ohne Gesang. Klavier. Geige. Musik, die Platz lässt für Gedanken.

Das Schreiben selbst begann vermutlich wie bei vielen anderen: mit Tagebüchern und ersten Gedichten. Lange schrieb ich vor allem Lyrik, bis irgendwann meine erste Kurzgeschichte entstand. Dann ein erster kurzer Roman. Veröffentlichte Kurzgeschichten. Schließlich mein erster richtiger Roman und bald folgt der zweite.

Und trotzdem hat mich das Drehbuch nie wirklich verlassen.

Ich schrieb Hörspieldrehbücher und Serienkonzepte. Irgendwann begann ich sogar, eigene kleine Filmproduktionen umzusetzen und erneut Regie zu führen.

Dann kam Corona.

Ich musste den Traum einer eigenen Filmproduktionsfirma aufgeben. Doch das Schwerste daran war nicht das Projekt selbst, sondern das Gefühl, Menschen enttäuscht zurückzulassen, mit denen ich gemeinsam arbeiten wollte.

Später durfte ich Drehbücher und Filmideen lektorieren und merkte dabei, dass mich das Erzählen in all seinen Formen nie wirklich losgelassen hat.

Vor wenigen Tagen habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Regie geführt. Und ehrlich gesagt war ich selbst überrascht, dass ich es noch kann. Schauspieler zu motivieren, die sich zuerst nicht trauten. Zu sehen, wie sie plötzlich leuchteten, weil ihre Darstellung gesehen und anerkannt wurde.

Vielleicht war genau das der Moment, in dem mir klar wurde, dass Kreativität mich nie wirklich verlassen hat.

Bis heute begleiten mich all diese Ausdrucksformen: Theater, Musik, Kunst, Schreiben, Film.

Es ist wie Atmen.

Egal wie oft ich pausiert habe. Egal wie oft ich gezweifelt, abgebrochen oder mich verloren gefühlt habe. Ich konnte und kann nie wirklich ohne Kreativität leben.

Und vielleicht besteht genau darin der rote Faden dieser letzten 35 Jahre: Nicht darin, perfekt zu sein oder geradlinig erfolgreich.

Sondern immer wieder zurückzufinden zu dem, was mich lebendig macht.