Dunkle Wolken hängen über dem Gelände des Hauses für Poesie. Zwischen Efeu, Backstein und den alten Wegen des Kulturstandorts wirkt der Berliner Sommer für einen Moment erstaunlich nordisch.
Im Atelierraum „silent green“ werden vor Beginn der Veranstaltung Kopfhörer verteilt. Die Gedichte des Abends werden auf Schwedisch gelesen. Wer die Sprache nicht versteht, kann über einen kleinen Empfänger eine deutsche Simultanübersetzung hören.
Ich nehme einen der Kopfhörer entgegen und setze ihn auf.
Später wird er nur noch halb auf meinem Ohr liegen.
Zu Gast beim Poesiefestival Berlin 2026 ist die schwedisch samische Dichterin und Schriftstellerin Linnea Axelsson. Bekannt wurde sie insbesondere durch ihr preisgekröntes Versepos „Ædnan“, das die Geschichte der Samen über mehrere Generationen hinweg erzählt. Ihr jüngster Gedichtband trägt den Titel „Sjaunja“.
Gemeinsam mit der Moderatorin Saskia Vogel spricht Axelsson über ihre Arbeit, ihre Texte und die Rolle der Sprache in ihrer Dichtung. Immer wieder liest sie aus ihren Gedichten, ruhig, konzentriert und gleichzeitig mit einer erstaunlichen Präsenz.






Während der Lesungen passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Obwohl ich kaum Schwedisch spreche, verstehe ich deutlich mehr als erwartet. Vielleicht liegt es an meinen Dänischkenntnissen. Vielleicht an der Nähe der Sprachen. Vielleicht auch daran, dass gute Lyrik oft schon über Klang, Rhythmus und Bilder wirkt, bevor jedes Wort verstanden wird.
Das Heft mit den deutschen Übersetzungen liegt auf meinem Schoß. Der Kopfhörer übersetzt zuverlässig ins Deutsche. Doch immer häufiger höre ich einfach nur zu.
Schwedisch.
Die Sprache fließt durch den Raum, und erstaunlich viele Bilder, Gedanken und Stimmungen erreichen mich direkt.
Linnea Axelssons Gedichte waren an diesem Abend berührend, kraftvoll und voller Bilder, die lange nachwirkten. Ebenso eindrucksvoll war Axelsson selbst. Sie sprach offen, lebendig und mitreißend über ihr Schreiben und ihre Texte. Nie akademisch distanziert, sondern nahbar und präsent.
Besonders beeindruckt hat mich die Erfahrung, wie viel einer Lesung auch dann verständlich bleibt, wenn man nicht jedes einzelne Wort versteht. Rhythmus, Klang und Stimme tragen Bedeutung oft weit über die Sprache hinaus. Gerade bei Lyrik wird das spürbar.
Am Ende nehme ich vor allem eine Erkenntnis mit nach Hause: Manchmal liegt zwischen Verstehen und Nichtverstehen nur ein halber Kopfhörer.