Es gibt diese Momente, in denen man nur kurz aufs Handy schaut.
Nur eine Nachricht, nur ein kurzer Blick.
Und plötzlich ist die Zeit vergangen. Manchmal nicht viel, fünf oder zehn Minuten. Manchmal eine halbe Stunde oder einen ganzen Abend lang.
Nichts Dramatisches. Und doch fehlt sie danach.
Man merkt es oft nicht einmal richtig. Die Zeit ist nicht weg, weil man sie bewusst verbracht hat.
Sie ist eher… verrutscht. Versickert irgendwo zwischen Scrollen, kurzen Videos, kleinen Ablenkungen und dem “mal kurz kommentieren”.
Heute ist Welttag des Buches.
Und wie jedes Jahr könnte man jetzt sagen, wie wichtig Lesen ist. Wie schön Bücher sind.
Aber eigentlich geht es vielleicht um etwas anderes.
Um Zeit.
In Michael Endes „Momo“ gibt es die Grauen Herren.
Sie stehlen den Menschen die Zeit, ganz unauffällig, ganz leise.
Nicht, indem sie sie wegnehmen, sondern indem sie ihnen einreden, sie müssten sie sparen. Effizienter nutzen. Mehr aus ihr machen.
Und während ich gestern wieder einmal gemerkt habe, wie schnell ein Abend einfach… weg sein kann, musste ich daran denken, wie modern diese Geschichte eigentlich ist.
Die Grauen Herren sehen heute nur anders aus.
Sie tragen keine grauen Anzüge mehr.
Sie kommen als kleine, leuchtende Bildschirme daher, als endlose Feeds, als dieses leise Gefühl von „nur noch kurz“.
Und vielleicht ist das gar keine Kritik.
Wir leben nun mal in dieser Welt und wir nutzen sie. Ich auch.
Aber es gibt da diesen anderen Moment.
Den, in dem man ein Buch aufschlägt und nicht mehr auf die Uhr schaut.
In dem Zeit nicht verschwindet, sondern sich ausdehnt.
In dem man nicht effizient ist, nicht erreichbar, nicht „produktiv“.
Sondern einfach da.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus.
Nicht mehr lesen, weil man sollte.
Sondern lesen, weil man darf.
Weil man sich erlaubt, Zeit nicht festzuhalten, sondern sie irgendwo zwischen zwei Seiten einfach zu verlieren.
Vielleicht ist der Welttag des Buches keine Erinnerung daran, dass Bücher wichtig sind.
Sondern eine leise Einladung, sich etwas zurückzuholen.Zeit, die nicht optimiert ist.
Sondern erlebt.