„Erzähl-ein-Märchen-Tag“: Was Märchen mir bedeuten

Nicht die Gebrüder Grimm waren meine ersten Märchen, sondern Hans Christian Andersen.

Meine Uroma las sie mir vor. Ihre Stimme war ruhig, ein wenig brüchig, und ich erinnere mich noch an dieses Gefühl von Nähe, als die Welt draußen längst dunkel war. Während andere Kinder von Rotkäppchen oder Schneewittchen erzählten, hörte ich vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern und Geschichten, die leiser waren und trauriger.

Vielleicht war es kein Zufall, dass in unserer Familie eher Andersen gelesen wurde. Seine Märchen tragen eine nordische Melancholie in sich, eine leise Weite, die sich für mich immer auch ein wenig nach Dänemark anfühlte. Diese Verbindung war nie laut ausgesprochen, aber sie war da – wie ein feiner Faden durch Generationen.

Besonders „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ hat sich früh in mir verankert. Es ist kein tröstliches Märchen, kein Märchen mit rettender Hand im letzten Moment. Es ist kalt, zerbrechlich, unerbittlich. Und gerade deshalb hat es mich berührt. Jahre später schrieb ich selbst das Märchen um, „Nachtfrost“, die diese Kälte und dieses fragile Licht weitertrug. Vielleicht war das meine Art, etwas aufzugreifen, das längst in mir wohnte.

Und dann begegnete ich Andersen noch einmal neu.

Vor drei Jahren las ich „Der Tannenbaum“ wieder – nicht als Kind, sondern als Erwachsene. Ein Märchen über Ungeduld. Über die Sehnsucht nach dem Nächsten. Über das Gefühl, nie ganz im richtigen Moment zu sein.

Ich habe es damals jemandem vorgelesen, der krank war. Und während ich die Sätze sprach, merkte ich, dass dieses Märchen nicht nur von einem Baum erzählte. Es erzählt von Wachstum, das man nicht erzwingen kann. Von der Erkenntnis, dass jeder Abschnitt seinen eigenen Wert hat, selbst wenn man ihn erst im Rückblick versteht.

Andersens Märchen haben mich nie mit großen Gesten begleitet. Sie waren eher wie leise Wegmarken. In der Kindheit als vertraute Stimmen aus der Familie. Später als Spiegel für eigene Lebensphasen.

Vielleicht sind es gerade die melancholischen Geschichten, die bleiben. Nicht, weil sie glücklich enden. Sondern weil sie die Tiefe zulassen.

Und manchmal wächst man, wie ein kleiner Tannenbaum, genau dann, wenn man glaubt, es gehe nicht schnell genug.