Als ich vor knapp zwei Jahren von Bonn nach Berlin gezogen bin, hatte ich große Angst, ob ich das schaffe.
Der Umzug war kein leichter Schritt. Eine Trennung lag hinter mir, meine Kinder waren erwachsen und ausgezogen, und plötzlich stand ich an einem Punkt, an dem vieles neu war – und nichts mehr selbstverständlich.
Alleine wohnen klang im Kopf nach Neuanfang.
In der Realität fühlte es sich zunächst ganz anders an.
Dieses erste halbe Jahr war beängstigend.
Es gab viel Unsicherheit, Einsamkeit und kurz darauf auch den Verlust meines Jobs.
Die Realität war nicht so blumig, wie ich sie mir erhofft hatte, und ich habe oft gezweifelt, ob ich mir mit diesem Schritt wirklich etwas Gutes getan habe.
In dieser Zeit war alleine wohnen keine Freiheit.
Eher Stille. Verantwortung.
Und das Gefühl, dass niemand mehr da ist, an dessen Erwartungen ich mich orientieren kann.
Vielleicht habe ich mir die Wohnung auch deshalb so schnell eingerichtet.
Vieles war laut, grell, fast ein bisschen zu viel. Farben, Deko, Dinge, die auffallen wollten.
Rückblickend wirkt das wie ein Versuch, Lebendigkeit herzustellen, während sie innerlich noch gefehlt hat.
Irgendwann – ohne klaren Moment, ohne bewusste Entscheidung – begann sich etwas zu verschieben.
Nicht abrupt, nicht spektakulär, sondern langsam.
Ich habe angefangen, Dinge auszutauschen, umzustellen, loszulassen.
Ich habe Möbel neu gewählt, Deko aussortiert und meinen Tagesablauf angepasst.
Nicht danach, wie es „schön“ oder „richtig“ sein sollte, sondern danach, wie es sich für mich stimmig anfühlt.
Mit jedem Teil, das ging, wurde es leiser.
Ruhiger. Erdiger.
Heute, zwei Jahre später, ist von der Anfangszeit nicht mehr viel übrig.
Die grellen Farben sind weniger geworden, die lauten Akzente auch.
Was geblieben ist, fühlt sich erwachsener an. Nicht im Sinne von angepasst – sondern im Sinne von angekommen.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass zwei Jahre allein wohnen einen fast zwangsläufig dazu bringen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Nicht romantisch, sondern ehrlich.
Man lernt zu erkennen, wer man wirklich ist – und was man selbst möchte, wenn niemand zuschaut.
Dabei habe ich auch meine eigenen Macken neu kennengelernt.
Dinge, die ich früher als störend empfunden habe, mag ich heute.
Es gibt immer noch Tage, an denen ich mich selbst nerve.
Tage, an denen ich mich einsam fühle.
Und Tage, an denen nicht alles so geregelt ist, wie es vielleicht sein sollte.
Der Unterschied ist, dass ich mit mir milder geworden bin.
Ich habe Rituale ausprobiert. Manche sind geblieben, andere nicht.
Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen – nur mir selbst.
Und ich habe Seiten an mir gefunden, die ich früher verleugnet habe. Heute mag ich sie. Wirklich.
Alleine wohnen hat mich nicht geheilt.
Es hat mich nicht stärker gemacht im klassischen Sinn.
Aber es hat mir erlaubt, mir selbst näherzukommen – ohne Maske, ohne Anpassung, ohne den Anspruch, jemand anderes sein zu müssen.
Und das ist mehr, als ich mir damals zugetraut hätte.