Welttag der Poesie

Heute ist Welttag der Poesie.
Ein Tag, der im Alltag leicht übersehen wird. Zwischen Terminen, Nachrichten und Verpflichtungen wirkt Lyrik fast wie etwas, das nicht mehr in diese Zeit passt. Und doch sind es oft gerade Gedichte, die bleiben, wenn vieles andere längst vergessen ist.

Rainer Maria Rilke begleitet mich, seit ich ein Kind bin.
„Der Panther“ ist bis heute mein Lieblingsgedicht und gleichzeitig das einzige, das ich auswendig kann.
Ich habe es in der vierten Klasse gelernt, und obwohl seitdem viele Jahre vergangen sind, kann ich es noch heute aufsagen, ohne nachdenken zu müssen. Manchmal reicht ein einziges Wort, und die nächsten Zeilen sind wieder da, als hätten sie irgendwo im Hintergrund gewartet.

In den letzten Monaten ist noch eine andere Stimme dazugekommen.
Mascha Kaléko.
Ihre Gedichte sind leiser, oft einfacher, und gerade deshalb berühren sie mich auf eine
andere Weise. Sie schreibt über das Leben, ohne große Worte zu brauchen. Vielleicht ist es genau das, was mich im Moment so anspricht.

Zum Welttag der Poesie habe ich mir bewusst neue Lyrik gekauft.
Nicht, weil ich sie brauche, sondern weil ich gemerkt habe, dass mir etwas gefehlt hat.
Gedichte zu lesen heißt für mich, langsamer zu werden, genauer hinzusehen und manchmal auch, mich selbst wiederzufinden.

Ein paar Zeilen, die ich im letzten Jahr geschrieben habe, sind mir dabei wieder begegnet.
Sie sind in einer Zeit entstanden, in der vieles still geworden war.
In einer Phase, in der ich mehr nach innen geschaut habe als nach außen, und in der Worte manchmal der einzige Weg waren, Gedanken festzuhalten.

»Im Dunkel unserer Nacht
entzünde das Feuer
das nie mehr erlischt
das niemals mehr erlischt!«

Jessica Bradley

Es sind nur wenige Worte.
Und doch steckt darin etwas, das ich lange nicht gespürt habe.
Der Wunsch, wieder mehr zu schreiben, ohne Zweck, ohne Auftrag, ohne Ziel.
Einfach, weil Sprache manchmal der einzige Ort ist, an dem Gedanken und Gefühle bleiben dürfen.

Vielleicht ist das für mich die eigentliche Bedeutung des Welttags der Poesie.
Nicht ein Feiertag für Literatur, sondern eine Erinnerung.
Daran, dass Worte mehr sein können als Information.
Dass ein Gedicht nicht laut sein muss, um zu wirken.
Und dass es manchmal reicht, eine einzige Zeile zu schreiben, um ein Feuer zu entzünden,
das nicht mehr erlischt.