Früher bedeutete das: Fernseher aus.
Ein letzter Blick auf den blauen Bauwagen, dann ein zufriedenes Gefühl im Bauch. Man hatte etwas gelernt. Über Regenwürmer. Über Strom. Über Zahnräder. Und gleichzeitig hatte man einfach nur einen guten Samstagmorgen gehabt.
„Und jetzt – abschalten“ war kein Befehl. Es war eine Einladung.
Ich sehe mich noch im Schlafanzug im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerboden sitzen. Der Kakao dampft, vielleicht mit einer kleinen Haut oben drauf, die ich vorsichtig an den Tassenrand schiebe. Draußen ist es noch still. Wochenende. Zeit fühlt sich weit an. Und im Fernsehen steht dieser Bauwagen irgendwo zwischen Wiese und Welt.
Für viele von uns war er kein Moderator. Er war eher so etwas wie ein ruhiger Onkel der Neugier.
Er erklärte Dinge, ohne sich aufzudrängen.
Er stellte Fragen, die nicht dumm waren.
Er nahm Sachen auseinander und baute sie wieder zusammen.
Und was vielleicht am wichtigsten war: Er hatte Zeit.
Keine hektischen Schnitte. Keine grellen Farben, die um Aufmerksamkeit schrien. Stattdessen eine ruhige Stimme, die sagte: Schau genau hin. Es lohnt sich.
Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, wie besonders das war. Für mich war es einfach Teil der Kindheit. Kakao. Schlafanzug. Bauwagen. Erst heute merke ich, was da eigentlich passiert ist.
Wir haben gelernt, dass Wissen freundlich sein kann.
Dass man Dinge verstehen darf, statt vor ihnen Angst zu haben.
Dass Scheitern kein Drama ist, sondern Teil des Ausprobierens.
Und dann kam am Ende dieser Satz.
„Und jetzt – abschalten.“
Nicht im Sinne von: Genug gelernt, raus hier.
Sondern eher: Für heute reicht es. Du darfst jetzt einfach sein.
Vielleicht ist es genau das, was diesen Satz so besonders macht. Er war kein Ende mit Druck. Er war ein Ende mit Erlaubnis.
Heute bedeutet Abschalten etwas anderes. Es heißt nicht mehr nur Fernseher aus. Es heißt: Handy weglegen. Nicht auf jede Nachricht reagieren. Den Kopf leiser drehen. Nicht ständig erreichbar sein. Nicht permanent produktiv.
Wir leben in einer Zeit, in der alles gleichzeitig wichtig sein will. Alles blinkt, alles ruft, alles fordert Aufmerksamkeit. Und manchmal frage ich mich, wann wir verlernt haben, uns selbst zu sagen: Für heute reicht es.
Vielleicht brauchen wir diesen Satz mehr denn je.
Nicht als nostalgisches Zitat.
Sondern als Haltung.
Wir dürfen neugierig bleiben. Wir dürfen lernen. Wir dürfen Dinge auseinandernehmen – unsere Gedanken, unsere Routinen, unsere Pläne – und schauen, wie sie funktionieren. Aber wir dürfen auch einen Punkt setzen.
Abschalten heißt nicht aufgeben.
Abschalten heißt nicht Desinteresse.
Abschalten heißt: Vertrauen, dass genug getan ist.
Wenn ich heute an den Bauwagen denke, dann denke ich nicht nur an Kindheit. Ich denke an ein Tempo, das Raum ließ. An eine Form von Aufmerksamkeit, die nicht laut war. An das Gefühl, dass die Welt erklärbar ist wenn man sich Zeit nimmt.
Und vielleicht ist das die eigentliche Erinnerung:
Dass wir lernen dürfen.
Dass wir leben dürfen.
Und dass wir zwischendurch einfach nichts tun müssen.
Und jetzt – abschalten.
Foto: pezibear