LBM 2026 – ist das Glas halb leer oder halb voll?

Ich habe auf dieser Buchmesse viel gesprochen.
Mit Verlagsautor*innen, Verlege*rinnen, Selfpublisher*innen, freien Lektor*innen, Leser*innen, Dienstleistern und Menschen, die rund um Bücher arbeiten.
Aber vor allem habe ich zugehört.

Und was ich gehört habe, war in vielen Gesprächen erstaunlich ähnlich.
Es ging nicht nur um neue Programme oder kommende Titel, sondern um Unsicherheit. Bücher werden verschoben, Aufträge bleiben aus, Budgets werden kleiner. In einigen Häusern wurde umstrukturiert, Stellen gestrichen, Verträge nicht verlängert. Das betrifft längst nicht nur die Verlage selbst, sondern die gesamte Branche – von Agenturen über Dienstleister bis hin zu freien Lektor*innen, Übersetze*rinnen und allen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass Bücher entstehen können.

Viele spüren, dass sich etwas verändert.

Auch bei den Autor*innen ist diese Unsicherheit angekommen.
Mehrere haben erzählt, dass sie überlegen, große Verlage zu verlassen oder diesen Schritt bereits gegangen sind. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber ein Gedanke tauchte immer wieder auf: Viele fühlen sich in großen Strukturen nicht mehr wirklich gesehen.

Dabei geht es nicht nur um Geld.
Im Gegenteil: einige nehmen bewusst in Kauf, weniger zu verdienen, wenn sie dafür ihre eigene Stimme behalten können. Denn genau die geht im aktuellen System oft verloren.

Eine junge Autorin erzählte mir, dass sie mehrere angefangene Manuskripte in der Schublade liegen hat. Nicht, weil ihr die Ideen fehlen, sondern weil sich Trends ständig ändern. Kaum ist ein Stoff fertig, passt er nicht mehr ins Programm. Also wird neu begonnen, wieder angepasst, wieder verworfen.
Um überhaupt veröffentlicht zu werden, orientiert sie sich an dem, was gerade gefragt ist – und entfernt sich dabei immer weiter von dem, was sie eigentlich erzählen möchte.

Am Ende bleibt das Gefühl, nur noch hinter Erwartungen herzulaufen, statt die eigenen Geschichten zu schreiben.

Viele wünschen sich deshalb wieder mehr Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Mehr Vertrauen in ihre Stoffe, mehr Mitspracherecht im Marketing, mehr echtes Interesse an der eigenen Stimme. Wenn das fehlt, suchen sie andere Wege, bei kleineren Verlagen oder im Selfpublishing. Nicht weil es einfacher ist, sondern weil sie dort eher die Chance sehen, als Autor*in wahrgenommen zu werden und nicht nur als Teil eines Programms.

Auch inhaltlich spürt man eine Verschiebung.
Trends bestimmen Programme, Programme bestimmen neue Trends.
Manches wirkt austauschbar, vieles vorsichtig, manches wie ein Alltagsbrei, der sich durch die Branche zieht. Gleichzeitig habe ich in vielen Gesprächen den Wunsch nach genau dem Gegenteil gehört.

Nach Büchern, die bewegen, ohne zu belehren.
Nach Geschichten, die Erfahrungen vermitteln, statt Botschaften zu erklären.
Nach Figuren, die nicht perfekt sind, sondern menschlich.
Nach Büchern, die vielleicht nicht reich machen, aber sich echt anfühlen.

Neben allen wirtschaftlichen Sorgen habe ich auf dieser Messe aber auch etwas anderes wahrgenommen.
Viele sprechen über Gemeinschaft.

Über Buchclubs, die nicht nur über Literatur reden, sondern Menschen zusammenbringen.
Über Veranstaltungen, bei denen Autorinnen, Leserinnen und Verlage sich auf Augenhöhe begegnen.
Über Zusammenarbeit, die manchmal eher familiär wirkt als professionell durchgeplant.

Diese Nähe fühlt sich oft ehrlicher an.
Aber sie hat auch Grenzen.
Familiäre Zusammenarbeit ist wichtig, gerade in kleinen Strukturen, doch auf Dauer ist sie nicht für alle tragbar. Idealismus ersetzt keine Verkaufszahlen, und auch kleine Verlage müssen rechnen.

Trotzdem entstehen gerade dort neue Ideen.
Kleine Verlage reagieren oft schneller, probieren mehr aus, denken flexibler. Große Häuser wirken dagegen vorsichtiger, manchmal festgefahren – auch wenn sie später vieles übernehmen, was zuerst im Kleinen ausprobiert wurde.

Vielleicht bin ich ein Träumer.
Aber nach diesen Tagen auf der Buchmesse habe ich den Eindruck, dass die Zukunft der Branche nicht nur davon abhängt, welche Titel sich verkaufen, sondern davon, ob wir es schaffen, wieder mehr Vertrauen aufzubauen: zwischen Autor*innen, Verlagen, Dienstleistern und Lese*rinnen.

Die Gespräche dieser Tage klangen nicht nach Aufbruch.
Aber auch nicht nach Stillstand.

Vielleicht ist das Glas gerade weder halb leer noch halb voll.
Vielleicht entscheiden wir im Moment gemeinsam, wie wir weiter machen möchten.