Das Meer und ich – Erdung & Energie

Das erste, was mich am Meer trifft, ist der Geruch. Salzig, kühl, ein Hauch Tang – und sofort wird in mir ein Schalter umgelegt. Ich bin ein Mensch, der über Gerüche geht; sie sind mein direktester Weg ins Gefühl. Diese Luft ist mein erstes Glück.

Mit der salzigen Brise kommen Kindheitsbilder hoch: Nordsee, Krabbenkutter im Hafen, Muscheln in der Hosentasche, das gleichmäßige Wellenrauschen als Hintergrund meines Sommers. Ich muss nichts tun. Ich stehe da, atme, und merke, wie der Körper von allein loslässt.

Wasser erdet mich immer – Flüsse, Seen, Regen an der Fensterscheibe. Aber das Meer kann etwas, das nichts anderes kann: Es spannt einen Horizont auf, vor dem alles innere Durcheinander kleiner wird. Die Wellen ordnen, was in mir wühlt. Einatmen, Ausatmen, Ankommen.

Vielleicht ist es die Wiederholung. Jede Welle ist anders und doch verlässlich. In einer Welt voller Benachrichtigungen ist dieses stetige „da“ ein Gegenentwurf. Ich brauche hier keine Produktivität, kein Ziel. Mein Akku lädt, während ich gar nichts leiste.

Ich mag es, wenn es frisch ist. Keine Hitze, bitte. Eine steife Brise, die den Kopf freibläst, Möwenschreie, die das Denken perforieren wie Nadelstiche – und plötzlich ist wieder Platz in mir. Temperaturen, bei denen man die Jacke gern enger zieht: das ist mein Wetter.

Darum zieht es mich nach Norden. Nordsee, vielleicht Skandinavien. Orte, an denen das Licht klarer wirkt und die Tage sich nach draußen richten. Ich sehe mich dort älter werden oder einfach früher zur Ruhe kommen: in einem Alltag, der nach Salz riecht und nach Kaffee, der mit Blick aufs Wasser schmeckt.

Energie tanken heißt für mich heute nicht mehr „höher, schneller, weiter“, sondern „langsamer, tiefer, leiser“. Das Meer hat mir das beigebracht. Es erinnert mich an ein Maß, das ich sonst verliere.

Und wenn ich wieder wegfahre, bleibt etwas zurück – und etwas fährt mit. In den Haaren die Spur von Salz, in den Taschen Sand, in mir diese leise Ordnung. Genug, um bis zum nächsten Mal zu reichen.