Heute ist Tu Bischwat. Das sogenannte Neujahr der Bäume.
In der jüdischen Tradition markiert dieser Tag den Beginn eines neuen Jahreszyklus für Bäume und Pflanzen. Ursprünglich diente Tu Bischwat als Stichtag, um das Alter von Früchten festzulegen, etwa für religiöse Abgaben und Vorschriften. Gleichzeitig liegt dieser Feiertag in einer Zeit, in der der meiste Winterregen gefallen ist und in Israel die Natur langsam beginnt, sich auf den Frühling vorzubereiten. Auch wenn nach außen noch wenig sichtbar ist, setzt innerlich bereits neues Wachstum ein. Heute wird Tu Bischwat oft als Tag verstanden, an dem man sich mit Natur, Umwelt und der Wertschätzung von Bäumen und Früchten verbindet.
Ein Neuanfang.
Auch wenn es nicht der erste ist.
Für mich ist es das erste Jahr, in dem ich mich bewusst und achtsam mit jüdischen Traditionen und Feiertagen auseinandersetze. Vor einigen Jahren habe ich mich bereits mit Chanukka beschäftigt. Dieses Jahr fühlt es sich anders an. Ruhiger. Tiefer. Ehrlicher.
Ich bin in den letzten drei bis vier Jahren sehr gewachsen. Äußerlich. Aber vor allem innerlich. Nicht, weil ich mir Wachstum als Ziel gesetzt hätte. Sondern, weil eine Begegnung in mein Leben trat, die mir unabsichtlich einen Spiegel vorhielt. Einen ehrlichen. Einen tiefen. Einen klaren. Einen schönen. Einen schmerzhaften.
Plötzlich sah ich mich.
Meine alten Wunden.
Meine Muster.
Meine Wünsche.
Meine Träume.
Das war nicht leicht. Es gab immer wieder Rückschritte, Zweifel und Ängste. Ich brauchte lange, um zu lernen und zu verstehen, dass mir diese Begegnung einen Spiegel vorhält. Dass ich Dinge in mir trage, die ich vorher nicht gesehen habe. Dass es Muster gibt. Und alte Wunden.
Diese Auseinandersetzung war schmerzhaft. Aber sie hat mir auch etwas geschenkt. Ein klareres Bild von mir selbst. Von dem, was ich bin. Und von dem, was ich sein möchte. Dafür werde ich immer dankbar sein.
Denn auch wenn es wehgetan hat, gab es ebenso schöne Momente. Jeder einzelne Moment hat mich ein Stück weiter wachsen lassen. Und ich bereue keine einzige Sekunde davon. Kein Lachen und keine Träne, Nähe und Distanz, Überforderung und Leichtigkeit, Worte und Stille.
In diesen Jahren haben sich Türen geschlossen.
Und andere haben sich geöffnet.
Manche sind nur angelehnt.
Und das ist in Ordnung.
Privat. Beruflich. Kreativ.
Es lagen und liegen mehrere Wandel vor mir.
Auch heute noch ist der Weg nicht klar zu erkennen. Das macht mir Angst. Es zeigt mir meine Grenzen. Und gleichzeitig zeigt es mir weitere Möglichkeiten zu wachsen. Denn das ist kein schneller Weg.
Wachstum dauert an.
Es ist wunderschön.
Und gleichzeitig sehr schmerzhaft.
Doch jeder Schritt lohnt sich.
Und führt mich in ein Leben, das sich irgendwann genau richtig anfühlt. Und jetzt fühlt es sich an, als würde in mir etwas Neues entstehen.
Wie ein kleines Pflänzchen.
Passend zu Tu Bischwat.
Auch wenn außen noch vieles kahl wirkt, beginnt innen langsam etwas zu blühen. Noch zaghaft. Noch verletzlich. Aber mit tiefen Wurzeln.
Ich bin dankbar, dass ich in dieser Zeit meine Familie und meine Freunde hatte. Sie haben mich getragen. Sie haben mich gehalten. Sie haben mich davor bewahrt, in dieser wackeligen Phase zu fallen.
Und den Spiegel?
Den trage ich für immer in meinem Herzen.
Denn dort war der Anfang.
Und nie das Ende.