Manchmal hat man das Gefühl, dass man in Berlin zwar ständig von Kultur umgeben ist – sie aber im Alltag trotzdem viel zu selten wirklich besucht. Man nimmt sie wahr, streift an Plakaten vorbei, speichert sich Links, denkt „da müsste ich mal hin“… und dann ist der Tag wieder voll.
Diesmal wollte ich genau das anders machen. Ich liebe Kultur und Musik, und ich habe mich bewusst dafür entschieden, mir eine Tanzveranstaltung anzuschauen – auch, weil ich Menschen bewundere, die tanzen können. Tanz wirkt auf mich wie eine eigene Sprache: nicht über Worte, sondern über Körper, Rhythmus, Ausdruck. Und ich ertappe mich dabei, dass ich oft denke: Ich wünschte, ich könnte das auch.
Location: Sophiensæle Berlin
Die Sophiensæle gehören zu den Orten in Berlin, die für mich diesen ganz eigenen Charme haben: nicht riesig, nicht überinszeniert, sondern künstlerisch, klar und lebendig. Ein Raum, der eher nach echter Szene klingt als nach „Event“.
Gerade für Tanz und Performance finde ich so eine Location perfekt – weil man nicht nur zuschaut, sondern irgendwie automatisch mit im Raum ist.
Das Stück: „I Want Revenge, Grandma“
„I Want Revenge, Grandma“ ist eines dieser Stücke, bei denen schon der Titel neugierig macht. Da steckt Wut drin, vielleicht ein bisschen Trotz – und ganz bestimmt eine Geschichte, die man nicht in einen Satz pressen kann.
Ich mag solche Abende, bei denen man vorher nicht genau weiß, was einen erwartet. Keine klassische Handlung, keine vorhersehbaren Wendungen – sondern eher ein Erlebnis, das sich entwickelt: über Bewegung, Atmosphäre, Musik, Licht, Präsenz.


Warum Tanz mich so fasziniert
Tanz ist für mich gleichzeitig sehr körperlich – und trotzdem total emotional. Man versteht Dinge, ohne dass sie erklärt werden. Und manchmal sieht man in einer Bewegung mehr Wahrheit als in zehn Sätzen.
Vielleicht ist es genau das, was mich daran so zieht: Dieses unmittelbare, menschliche Ausdrucksding. Und ja: auch diese heimliche Sehnsucht, selbst mehr Zugang zu diesem „ich drücke mich über meinen Körper aus“-Teil zu haben.
Mein Fazit nach dem Abend
„I Want Revenge, Grandma“ war für mich weit mehr als ein klassischer Tanzabend. Das Stück verbindet Ausdruckstanz, Schauspiel und dokumentarische Elemente zu einer eindringlichen Erfahrung – roh, politisch und emotional. Es geht um Kolonialismus, Raubbau, Naturzerstörung und Sklaverei, aber auch um die Frage, was passiert, wenn sich das Unterdrückte irgendwann zurückmeldet: als Wut, als Widerstand, als „Revenge“.
Obwohl das Stück komplett auf Englisch war, musste man nicht jedes Wort verstehen, um die Botschaft zu begreifen. Die Körper, die Bilder, die Energie und die Atmosphäre waren so deutlich, dass sich alles auch ohne Übersetzung erschlossen hat. Ich fand es mitreißend, sehr bewegend – und es hat noch lange nachgewirkt. Mit einer Dauer von etwa einer Stunde war es intensiv, konzentriert und genau deshalb so kraftvoll.