Natascha Wodin: »Der Fluss und das Meer«

Ich habe mir dieses Buch in der Mittagspause gekauft, weil ich mein anderes Buch zuhause vergessen hatte. Und es ist tatsächlich das erste Buch, das ich allein nur durch Titel und Cover entschieden habe – ohne wie ich es sonst mache kurz „probe zu lesen“ (meistens lese ich grundsätzlich die erste Seite).

Und ich bereue es nicht.

Zum Buch:

Der Fluss und das Meer ist ein Erzählband von Natascha Wodin. In mehreren, dicht geschriebenen Texten begegnen wir Figuren, die irgendwo zwischen Erinnerungen, Alltag, Sehnsucht und Verlust stehen – und dabei oft genau an den Stellen berühren, an denen man selbst kurz innehält.

In der Titelgeschichte Der Fluss und das Meer zieht die Ich-Erzählerin eine Spur von Mariupol am Asowschen Meer, an dem ihre Mutter aufwuchs, bis zur Regnitz in Franken, dem Fluss, in dem diese sich das Leben nahm. Zu anderen Zeiten verliebt sie sich in einen Fremden, mit dem sie die Magie der Musik verbindet, oder sie beobachtet eine verwahrloste Nachbarin, die ihre Umgebung wissentlich zugrunde gehen lässt. In Sri Lanka lernt sie Hunger und extremes Elend kennen, das die Welt sehenden Auges geschehen lässt, und in einer schweren existenziellen Krise zieht sie sich schließlich in eine Einsiedelei in den südpfälzischen Weinbergen zurück und ringt dort mit einer dunklen inneren Macht.

Natascha Wodin/Rowohlt Verlag

Es sind Geschichten, die nicht nach „großer Handlung“ schreien, aber gerade deshalb so stark wirken: weil sie sich anfühlen wie echte Gedanken, wie echte Menschen, wie echtes Leben.

Figuren:

Die Figuren wirken nicht wie „Romanfiguren“, sondern wie Menschen, die man irgendwo schon mal gesehen hat oder hätte treffen können. Sie sind nicht überzeichnet, nicht künstlich dramatisch – sondern glaubwürdig.

Was mir gefallen hat: niemand wird platt erklärt. Vieles bleibt zwischen den Zeilen spürbar. Dadurch haben die Figuren Tiefe, ohne dass das Buch es einem ständig unter die Nase reibt.

Ich hatte beim Lesen häufig das Gefühl, dass es weniger um einzelne Personen geht – und mehr um Zustände: Einsamkeit, innere Unruhe, Hoffnung, Erinnerung, Müdigkeit, aber auch diese stillen Momente, in denen plötzlich etwas klar wird.

Sprache:

Das ist für mich das Herz dieses Buches.

Natascha Wodin schreibt wahnsinnig gut. Ihre Sprache ist präzise, atmosphärisch und gleichzeitig ganz ruhig. Kein unnötiges „Seht her, ich kann schreiben“-Getue – sondern echte Literatur, die sich ganz selbstverständlich anfühlt.

… ich schickte ihm Päckchen mit Büchern und Schokolade, Wollsocken für seine chronisch kälten Füße und Pulverkaffee gegen seinen niedrigen Blutdruck. Ich packte die letzten duftenden Gräser mit hinein, die ich draußen fand, Vogelfedern, welke, zerknitterte Rosen aus dem Park.

Natascha Wodin

Beim Lesen habe ich gemerkt, wie schnell man drin ist. Man wird reingezogen, weil die Sätze tragen. Es gibt Stellen, die man langsamer liest, weil sie nachhallen. Und genau dadurch lädt das Buch zum Nachdenken ein.

Mein Fazit:

Der Fluss und das Meer ist ein Buch, das mich überrascht hat: mit seiner stillen Intensität, seiner Atmosphäre und dieser besonderen Art, Gedanken anzustoßen, ohne laut zu werden.

Es ist wahnsinnig gut geschrieben, mitreißend – und gleichzeitig ein Buch, das nicht einfach „durchläuft“, sondern hängen bleibt.

Wer Literatur mag, die leise ist und trotzdem trifft, wer gerne zwischen den Zeilen liest und Texte sucht, die nachwirken, sollte diesem Buch unbedingt eine Chance geben.

Über die Autorin:

Natascha Wodin, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs zunächst in deutschen DP-Lagern auf und kam nach dem frühen Tod der Mutter in ein katholisches Mädchenheim. Nach ihrem Debütroman Die gläserne Stadt (1983) folgten zahlreiche weitere Veröffentlichungen, darunter Nachtgeschwister und Irgendwo in diesem Dunkel. Ausgezeichnet wurde sie u. a. mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Brüder-Grimm-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis; für Sie kam aus Mariupol erhielt sie den Alfred-Döblin-Preis, den Preis der Leipziger Buchmesse sowie den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2019. 2022 wurde sie mit dem Joseph-Breitbach-Preis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg.