Musik ist meine dritte große Leidenschaft – neben Literatur und Kunst. Ich habe in einer Band gesungen, Gitarre gespielt und versuche mich inzwischen am Klavier. Mein Musikgeschmack ist dabei so vielfältig (oder schräg, je nach Perspektive), dass meine Playlists wie eine Zeitreise durch mein Leben wirken. Denn manche Songs bleiben. Nicht, weil sie objektiv alle besonders gut sind, sondern weil sie Erinnerungen tragen.
Kindheit – Hörspielkassetten, Titelmelodien & ein Schaukelstuhl
Ich erinnere mich an Hörspielkassetten, die so oft gehört wurden, dass sie irgendwann Bandsalat hatten – und an das Gefühl, wenn man sie mit einem Bleistift wieder aufspulte.
Benjamin Blümchen, Tao Tao, das spacige Intro von Captain Future oder die dramatische Melodie von MacGyver – alles Soundtracks einer Kindheit zwischen Fantasie und Fernsehprogramm.
Und dann war da meine Uroma.
Sie saß oft in ihrem Schaukelstuhl, mit starkem Kaffee (Jacobs Krönung natürlich) und einem Lied auf den Lippen:
„Ganz in Weiß“ von Roy Black.
Nicht mein Musikgeschmack – aber tief eingeprägt.
Denn wenn ich dieses Lied heute höre, sehe ich sie wieder:
Wie sie leise mitsummt, im Rhythmus der Erinnerung.
Ein stiller, kitschiger Moment. Aber echt.
Der erste Lieblingssong
Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Lieblingssong. Nicht irgendein Lied, das im Hintergrund lief – sondern mein Song. „You can’t hurry love“ von Phil Collins. Ich war vielleicht acht oder neun Jahre alt, saß mit einem klapprigen Walkman am Fluss, die billigen Plastikkopfhörer drückten auf die Ohren – aber das war mir egal. Ich fühlte mich groß. Frei. Und verstanden.
Der Songtext klang wie ein leises Versprechen, auch wenn ich die ganze Bedeutung damals sicher noch nicht greifen konnte. Aber ich wusste: das hier ist meins. Musik konnte etwas in mir bewegen – und das blieb. Phil Collins und Genesis blieben lange Zeit mein Favorit, bis heute.
Und dann war da Cindy Lauper mit ihrem grellen „Girls just wanna have fun“, ein Song wie ein Aufschrei in Neonfarben. Oder „Karma Chameleon“ von Culture Club – bunt und eingängig. Ich hatte keine Ahnung, worum es wirklich ging, aber ich liebte es. Und Moonlight Shadow von Mike Oldfield – dieser melancholische Klang, wie ein leiser Schatten über einem Sommerabend, blieb mir lange im Ohr.
Diese Songs haben sich festgesetzt. Typisch 80er, klar – aber für mich auch typisch Kindheit.
Und dann kam Whitney
Ich war ungefähr zehn, hatte eine kleine, krasse Phase – und zwar ausschließlich für Whitney Houston. Vor allem Greatest Love Of All. Ich weiß noch, wie ich stundenlang auf der Schaukel saß, Walkman auf den Ohren, das Band auf Dauerschleife, bis die Batterien irgendwann schlapp machten und Whitney sich nur noch anhörte als hätte sie sehr heiße Kartoffeln im Mund beim Singen. Hat mich nicht gestört – ich habe einfach weiter geschaukelt.
Es war dramatisch, intensiv, pathetisch – und genau richtig. Ich liebte diese Stimme, diesen Pathos, dieses Gefühl von Größe, das sie mir schenkte. Vielleicht war es übertrieben – aber hey, ich war zehn. Und ich fühlte es. Zumindest für 1-2 Monate.
So mit zwölf, dreizehn wurde es… ruhiger. Nach Whitney kamen keine Radio-Hits mehr – es kamen Alben. Ganze Geschichten in Liedform.
Ich erinnere mich besonders an zwei: Crossroads von Tracy Chapman und Tea for the Tillerman von Cat Stevens – beide auf Schallplatte.
Während andere Bravo-Hits sammelten, saß ich mit dem Plattenspieler im Zimmer, Kopfhörer auf, und versank in dieser ganz eigenen Welt zwischen leiser Melancholie und innerem Aufbruch.
Chapmans Stimme war klar, ruhig, voller Wahrheit. Und Cat Stevens schien direkt aus einer anderen Zeit zu kommen – oder aus einem Leben, das ich mir irgendwie erträumte.
Es war meine erste bewusste Wahl für Musik mit Inhalt. Keine „coole Phase“, sondern ein vorsichtiger, fast intuitiver Griff nach Tiefe. Vielleicht, weil ich sie in mir selbst schon spürte.
Mit etwa 13 hielt meine allererste CD Einzug in mein Zimmer: Bryan Adams – Waking Up the Neighbours. Ich hörte sie rauf und runter, als hätte ich sonst nichts auf der Welt. Es war die Zeit, in der ich begann, Musik nicht nur zu hören, sondern richtig zu fühlen. Noch emotionaler wurde es wenig später, als ich zum ersten Mal verliebt war – in der Art, wie man mit 13 eben verliebt ist. Roxette begleitete mich durch dieses Gefühlschaos, allen voran Spending My Time, das in Endlosschleife aus meinem CD-Player dröhnte, während ich sehnsüchtig am Fenster hing. Damals war das pure Dramatik – und irgendwie auch wunderschön. Mein Herz wurde gebrochen und ab da “eskalierte” mein Musikgeschmack etwas.
Punk, Grunge & Herzschmerz
Dann kam der Bruch. Mit meinem Herzen – und mit dem Mainstream. Ich fing an, meine Musik lauter zu hören, kantiger, wütender, ehrlicher.
Es war die Zeit, in der The Clash mir Rebellion beibrachten, Billy Idol mich mit seinem Schmollmund und „White Wedding“ faszinierte und Skunk Anansie mich mit Skin’s Stimme vom Hocker haute.
Und dann kam Grunge – mit voller Wucht. Nirvana waren überall. Ich trug Second-Hand-Hemden, zerrissene Jeans, färbte meine Haare bunt und glaubte, dass „Smells Like Teen Spirit“ auch mein Lebensgefühl beschreiben konnte.
Ich fuhr Skateboard, hörte Metallica, ließ mich von Fury In The Slaughterhouse durch endlose Nachmittage begleiten, fühlte mich melancholisch mit Oasis – und war gleichzeitig verliebt in die Rotzigkeit von Die Ärzte und Die Toten Hosen.
Sie alle liefen auf Kassette, CD oder aus schlechten Computerboxen – Hauptsache, es war laut, echt und ein bisschen kaputt. So wie ich damals auch.
Mit Ende 18, Anfang 20 wurde mein Musikgeschmack wieder ruhiger, aber nicht weniger intensiv.
Ich war in einer Lebensphase, in der Bon Jovi und Bruce Springsteen den Ton angaben – emotional, ehrlich, und ein bisschen melancholisch.
„Bed of Roses“ von Bon Jovi war mein Favorit – dieser eine Song, bei dem man nachts aus dem Fenster schaut und sich fragt, wo das Leben noch hinführt.
Und „The River“ von Springsteen hat mich oft begleitet, wenn ich das Gefühl hatte, irgendwo zwischen Sehnsucht und Realität zu stecken.
Ich habe in dieser Zeit alle Alben der beiden Künstler rauf und runter gehört. Es war eine der längsten musikalischen Phasen meines Lebens – vielleicht, weil sie so viele Stimmungen einfing, die in mir gleichzeitig Platz wollten.
Ich wurde Mama und es kam wieder anders
Mit den Kindern kam ein ganz neues musikalisches Kapitel dazu:
Disneysongs zogen bei uns ein – fröhlich, bunt, ein bisschen kitschig, aber ehrlich gesagt auch einfach wunderschön.
Ob „Küss sie doch“ aus Arielle oder „Ich will jetzt gleich König sein“ aus König der Löwen – ich kannte sie alle, auswendig, mit jeder Betonung.
Es war nicht nur die Musik meiner Kinder, sie wurde auch Teil meiner eigenen Soundspur.
Mitte, Ende 20 dann der totale Stilbruch:
Ich entdeckte Pavarotti, Opernarien und klassische Musik für mich.
Was mit einem Gänsehautmoment bei „Nessun dorma“ begann, wurde zu echter Liebe.
Plötzlich war da Musik, die nichts erklärte, aber alles fühlbar machte – groß, dramatisch, tief.
Beethoven, Verdi, Puccini – sie wurden zu meinen heimlichen Begleitern, besonders in Momenten, in denen Worte nicht ausreichten.
Und heute? Alles auf einmal.
Später entdeckte ich noch mehr musikalische Facetten: Jack Johnsons entspannte Gitarrensounds, Katja Werkers berührende Texte, Rasmus Seebachs dänischen Pop und viele weitere Singer-Songwriter, die mich mit ihrer Ehrlichkeit und Melancholie abgeholt haben.
Heute höre ich all das – wild gemixt auf meiner Putz-Playlist oder ganz bewusst als einzelnes Album mit Kopfhörern und Kaffee. Musik ist für mich keine lineare Reise, sondern ein buntes Mosaik aus Erinnerungen, Gefühlen und Lebensphasen. Und manchmal reicht schon ein einziger Ton, um mich an einen Menschen, einen Tag, ein Gefühl zurückzubringen.
Das ist der Soundtrack meines Lebens. Schrill, leise, wild, traurig, laut – und immer meiner.